TV02 Siedelsbrunn e. V. - Donnerstag, 9. September 2010
Druckversion der Seite: 75jähriges Jubiläum der TV02 Handballabteilung
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Die Ansprache aus dem Jahre 1977

Seit 75 Jahren wird in Siedelsbrunn Handball gespielt. Dies zu feiern ist für uns selbstverständlich denn der Handballsport ist schon seit vielen Jahren zum Mittelpunkt unseres Vereinsgeschehens geworden. Als man vor 75 Jahren damit begann, hat sicher niemand damit gerechnet, dass das Handball spielen einmal diesen Stellenwert einnehmen wird, wie es jetzt der Fall ist, den damals standen Individualsportarten wie Turnen und Leichtathletik im Mittelpunkt.

Die zunehmende Arbeitslosigkeit Ende der zwanziger Jahre führte aber schliesslich dazu, das die Jugend sehr viel Zeit auf den Sportplätzen verbrachte. Überall wurden Rasenspiele ins Leben gerufen. In Siedelsbrunn probierte man zunächst das Faustball-Spiel aus und etwas später, nämlich 1928, auf Initiative von Jakob Winkenbach entschied man sich für den Handballsport. Schon bald wurde eine Mannschaft aufgestellt und emsig trainiert. Die ersten Trainingseinheiten fanden auf einer Wiese am Morgenstern statt, später dann auf dem Sportplatz. Auch der Saal des Gasthauses „Zum Deutschen Haus“ wurde zum trainieren genutzt. Für die Teilnahme an Rundenwettkämpfen musste dann erst einmal der wenige Jahre zuvor fertig gestellte Sportplatz vergrössert werden, da in den ersten Jahren ausschließlich Großfeld gespielt wurde.

Im Hochsommer 1930 war es schliesslich soweit. Das erste Heimspiel wurde gegen Birkenau ausgetragen. Der Ausgang dieses Spiels ist leider nicht mehr zu ermitteln. Auf jeden Fall stieg die Zahl der Vereinsmitglieder von diesem Zeitpunkt schnell an. Schon bald konnten 3 Aktive.- und mehrere Jugend.- und Schülermannschaften gestellt werden. Nach anfänglichen Startschwierigkeiten machten sich die Siedelsbrunner Handballer bald einen Namen und waren im ganzen Kreis ein respektierter Gegner. Abgeleitet von den damaligen Vereinsfarben rot und weiß sprach man tatsächlich respektvoll von den „Roten Teufeln vom Hardberg“.

Die dreisiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts waren recht turbulent für den Verein. Sehr häufig standen politische Aspekte dem Sport im Wege. So gab es verschiedene Verbände deren Mitgliedsvereine sich untereinander sportlich nicht messen durften. Auch unser Verein musste 1933 zwangsaufgelöst und wieder neu gegründet werden. Der Spielbetrieb war davon allerdings kaum betroffen; erst als der zweite Weltkrieg begann mussten natürlich gravierende Rückschläge hingenommen werden. Während der ersten Kriegsjahre, viele Handballer waren eingezogen, kam die erste Spielgemeinschaft zustande. Mit der SKG Ober-Mumbach arrangierte man sich einige Jahre. Zunächst fanden die Spiele in Siedelsbrunn statt, später in Ober-Mumbach. Grundsätzlich musste nach Mumbach gelaufen werden - wer würde das heute noch tun!

Nach dem Krieg musste zunächst einmal der Sportplatz wieder hergerichtet werden. Dies war nicht ganz ungefährlich, fanden sich doch immer wieder Handgranaten und sonstige unliebsame Überbleibsel aus dem Krieg. 1947 wurde dann unser Sportplatz von vorher 70 auf dann 90 Meter Länge erweitert. All diese  Arbeiten wurden natürlich Sonntags durchgeführt, da man an den Werktagen hierfür keine Zeit hatte. Auch das Training fand Sonntags statt, meistens nach der Feuerwehrübung, die um neun begann. Nach dem trainieren wurde sich keineswegs gemütlich zusammen gesetzt, sondern man machte sich auf den Weg zu den Spielen die Sonntag nachmittags statt fanden. Dies bedeutete nicht selten ein weiter Fussmarsch oder eine längere Radtour. Mit etwas Glück konnte allerdings auch ein LKW angemietet werden, der die Spieler dann mittels Holzvergaser-Energie zu den Spielen brachte.

Vergleicht man diese riesigen Probleme, denen die Sportler in diesen ersten Jahren gegenüber standen, mit den kleinen Unannehmlichkeiten wie sie heute ab und zu vorkommen, sieht man sehr schnell wie groß der Enthusiasmus damals gewesen sein muss.

Bereits Ende der vierziger Jahre begann dann schon der Handballsport sich zu verändern. Aus den skandinavischen Ländern breitete sich immer mehr Kleinfeld aus. So spielte man einige Jahre sowohl Kleinfeld- als auch Großfeld-Handball in Siedelsbrunn. 1952 konnte sogar das Endspiel um die Kreismeisterschaft erreicht werden. In Bonsweiher hieß der Gegner Hofheim. Da der angemietete Bus nicht kam musste unsere Mannschaft kurzfristig mit dem Fahrrad nach Bonsweiher radeln; leider ging dieses Spiel dann auch mit 7:6 verloren.

Im Jahr 1953 erhielt unser Verein seinen bis heute gültige Namen TV 02 Siedelsbrunn. Mit dieser Umbenennung begannen die zweiten 25 Jahre Handballgeschichte. Diese waren sicherlich sehr stark von der Wiederaufbau-Phase geprägt. Man spielte weiterhin sowohl Großfeld als auch Kleinfeld-Handball. Zweimal wurde auch um die Kreismeisterschaft im Kleinfeld gespielt, der Titel konnte aber leider damals noch nicht errungen werden.

Alte Freundschaften wurden gepflegt und neue hinzu gewonnen. Unser heutiges Ehrenmitglied Ludwig Jäger war es der 1958 den Grundstein zu einer langjährigen Freundschaft mit dem Verein der Kaufleute Luzern legte. Jäger und der Luzerner Georges Camenisch hegten und pflegten die freundschaftlichen Bande zwischen beiden Vereinen über mehrere Jahrzehnte.

Zu Beginn der sechziger Jahre hielt der Hallenhandball Einzug im Überwald. Als eine der ersten Sporthallen im Kreis Bergstrasse stand die Rudi-Wünzer-Halle zur Verfügung in der mehrmals der Heinrich-Schlerf-Pokal ausgespielt wurde. Zur damaligen Zeit als es ja noch keine Hallenrunde gab, war dies eine im ganzen Kreis sehr begehrte Trophäe, die unsere Handballer auch einmal gewinnen konnten. Unsere heutige Feierstunde begehen wir demnach an bzw. in der Geburtsstätte des Überwälder Hallenhandballs.

1961 fuhren unsere Handballer nach Ohrdruf in die damalige Ostzone zu einem Freundschaftsspiel. Die Politik verhinderte allerdings in diesem Fall den Ausbau dieser Kontakte. Mit der SG Laumersheim/Gerolsheim in der Pfalz pflegte man ebenfalls eine Zeit lang sehr rege Kontakte die allerdings auch mittlerweile eingeschlafen sind.

1965 konnte noch einmal eine Meisterschaft im Grossfeld und damit verbunden ein Aufstieg in die A-Klasse gefeiert werden. Dies war auch aus heutiger Sicht die Blütezeit des Siedelsbrunner Großfeldhandballs. Namen wie Herbert Kaufmann, der den Hasenhaken fast bis zur Perfektion ausfeilte, Wilfried Krämer der mit seinem eigenwilligen „Fort, Fort“ sämtliche gegnerischen Angreifer aber auch manchmal die eigenen Verteidiger zur Verzweiflung brachte oder der leider in sehr jungen Jahren verstorbene Hans Sauer bürgten für Qualität Made in Siedelsbrunn.

Viel wichtiger für den Verein war zu dieser Zeit aber der Bau unseres lange ersehnten Vereinsheims auf unserem Sportplatz. 1974 konnte die erste Generalversammlung hier abgehalten werden. Drei Jahre später wurde das 75-jährige Jubiläum groß gefeiert. Ein Jahr später gelang den Aktiven ein letzter grosser Coup auf dem Grossfeld. Die Meisterschaft in der Grossfeldrunde konnte gewonnen werden.

Das Schicksal des Grossfeldhandballs war aber zu dieser Zeit längst besiegelt. Kleinfeld bzw. Hallenhandball war angesagt. Überall standen immer mehr Hallen zur Verfügung, gleichzeitig wurden die Großfeldsportplätze vernachlässigt und im wahrsten Sinne des Wortes wuchs allmählich Gras über die Sache. Einzelne Traditionsspiele konnten diese Sportart nicht am Leben erhalten, so das auch diese mittlerweile selten geworden sind. Ein weiterer Punkt der für das Kleinfeld bzw. die Halle sprach, ist die einfache Tatsache, dass man nicht so viele Spieler braucht. Das Argument, dass in den dreisiger Jahren für die Mannschaftssportarten sprach, nämlich der Teamgeist, scheint neuerdings ein wenig verloren zu gehen. Sehr viele Zeitgenossen tendierten wieder zu den Individualsportarten wie Tennis, zu Fitness-Studios oder schlicht und ergreifend zum nichts tun.

Ein weiteres Argument, für den Hallenhandball ist natürlich, dass man wetterunabhängig ist. Wir Siedelsbrunner hatten allerdings in bezug auf eine geeignete Halle lange Zeit das Nachsehen gegenüber anderen Vereinen. Unsere Heimspiele mussten wir in der Anfangszeit des Hallenhandballs in Reisen später lange Jahre in Fürth bzw. dann in Birkenau austragen. Auch die Trainingsmöglichkeiten waren für uns sehr ungünstig. In kleinen Gymnastikhallen an den Schulen bzw. im etwas grösseren Haus des Gastes in Schönmattenwag war nur ein sehr unbefriedigendes Training möglich. Teilweise standen noch nicht einmal Tore zur Verfügung; mit Dachlatten die als Tor an die Wand genagelt waren mussten wir uns abfinden. Dennoch waren die achtziger und neunziger Jahre äußerst ereignisreich vor allem aber richtungsweisend für den TV 02.

1981 waren zum ersten Mal die Jestädter Handballer zu Gast im Odenwald. In der Saison 1982/83 stiegen unsere Herren nach einem kurzen Intermezzo in der B-Klasse wieder in die A-Klasse auf. Im Jahr darauf begann schliesslich die Erfolgsstory unserer Damen. Die Meisterschaft in der B-Klasse konnte gefeiert werden. Auch im Jugendbereich tat sich zu dieser Zeit einiges. 1985 konnte erstmals eine Minimannschaft gegründet werden. 1987 gab es den ersten Bezirksligisten beim TV 02. Die weibliche B-Jugend, die von Siegfried Röth trainiert wurde, konnte den Aufstieg erringen. Aus dieser Mannschaft etablierten sich Tanja Wenzel und Susanne Mathäus sogar in der Hessenauswahl. Wenige Jahre später gelang dieser Mannschaft, jetzt als A-Jugend der Aufstieg in die Oberliga.

1989 konnten unsere Herren noch einmal einen Kreismeistertitel in der Sommer-Kleinfeldrunde gewinnen.

Im Jubiläumsjahr 1992 sorgten sowohl die weibliche A-Jugend wie auch die Damen wieder für Kreismeistertitel.

1993 war für den Siedelsbrunner Handballsport ein ganz entscheidendes. Endlich nach vielen Jahren des Vagabundierens wurde die neue Großraumsporthalle eingeweiht. Die Trainingsbedingungen verbesserten sich schlagartig und die Heimspiele wurden zu echten Heimspielen. So ließen auch die Erfolge nicht lange auf sich warten. Zahlreiche Titel und hervorragende Platzierungen der verschiedenen Jugendmannschaften wurden in den Jahren darauf gesammelt. Bei den aktiven Herren konnte bereits ein Jahr nach der Halleneinweihung der Aufstieg in die A-Klasse gefeiert werden. 1996 gelang gar der Aufstieg in die Kreisklasse West, die aber nur zwei Spielrunden gehalten werden konnte.

Unsere Damen erlebten durch die neue Halle ebenfalls einen Höhenflug der in der abgelaufenen Saison seinen absoluten Höhepunkt erreicht hat.

1994 gelang die Meisterschaft in der 2. Bezirksliga West und damit der Aufstieg in die Bezirksliga. 1997 wurde schließlich auch hier die Meisterschaft errungen und damit verbunden der erstmalige Aufstieg in die damals noch dreigleisige Oberliga Hessen Süd. Den weiteren Werdegang unserer erfolgreichen Damenmannschaft erfahren sie später vom Abteilungsleiter Manfred Sauer.

Das Jahr 1997 war für unseren Spieler der ersten Mannschaft Michael Sattler der Beginn einer internationalen Karriere. Michael nahm an den Welt-Sommerspielen für Gehörlose in Kopenhagen teil. Drei Jahre später durfte er mit der National-Mannschaft nach Rumänien zur Europameisterschaft reisen und im Jahr darauf konnte er sich über die Nominierung zur Weltmeisterschaft in Rom freuen. Während sich seine Siedelsbrunner Mannschaftskameraden in dieser Zeit mit größeren Erfolgen etwas schwer taten, konnte man in Jugendbereich weiterhin Erfolge sammeln.

Das Fundament für diese zahlreichen Erfolge war sicherlich die Gründung einer Jugendspielgemeinschaft mit der SG Wald-Michelbach. Nach meiner Meinung war dies ein sehr wichtiger und auch richtiger Schritt für den Handballsport im Überwald. Anstatt sich Konkurrenz zu machen, gehen der TV 02  und die Handballabteilung der SG Wald-Michelbach gemeinsame Wege bei der Förderung der Kinder und Jugendlichen in unserer Region. Von 1998 bis 2000 gelang es einer männlichen C-Jugend dreimal in Folge den Kreismeistertitel zu holen und ein Jahr später wurde die männliche B-Jugend sogar Bezirksmeister.

Damit möchte ich nun meinen Rückblick in die Vereinsgeschichte beenden. Erlauben sie mir aber zum Abschluss meiner Ausführungen noch einige Gedanken, die mich während der Erstellung dieses Rückblicks bewegten.

Was haben wohl die einstigen Turner und Leichtathleten gedacht, als ihre Sportarten vom Handball verdrängt wurden?

Was mag in den Köpfen der Großfeldasse vorgegangen sein, als man plötzlich Handball auf viel kleineren Plätzen und schließlich in Hallen spielte?

Wie groß mag die Schadenfreude bei so manchem gewesen sein, als vor nicht allzu langer Zeit mit Damenhandball begonnen wurde und die „Spielerei“ sicher weitaus unattraktiver war als so manche Spielerin ??

Ich selbst habe mir schon den Kopf darüber zerbrochen wo den wohl der Handball hinführt wenn vielleicht nicht nur im Sommer Beach-Handball gespielt wird, sondern vielleicht auch mal im Winter in beheizten Reithallen oder ähnliches?

In den vergangenen 75 Jahren hat es bestimmt unzählige Ärgernisse und falsche Entscheidungen in unserem Vereinsleben gegeben – doch waren die Gründe zur Freude und zum Feiern mit Sicherheit in der Überzahl. Genauso wird es auch in den nächsten 75 Jahren sein. Das wichtigste für ein funktionierendes Vereinsleben ist eine funktionierende Kommunikation zwischen alt und jung den diejenigen die sich mit neuen Dingen nicht auseinander setzen oder vielleicht von vorneherein sogar ablehnen, nehmen sich selbst ein Stück Freude an der Zukunft. Und diejenigen die das „Bisherige“ gänzlich missachten, berauben sich Selbst der Erfahrungen die das Leben mit sich bringt.

In diesem Sinne wünsche ich uns, der Handballabteilung wie auch dem Gesamtverein noch viele erfolgreiche Jahre

Stefan Wenisch